Sportpark Ronhof, 15. September 2018, Endstand 4:1

 

Das mit dem Fußball, oder besser gesagt mit der Liebe zu ihm, ist so eine Sache. Nick Hornby hat es festgehalten, wie kein Anderer. "Ich verliebte mich in den Fußball, wie ich mich später in Frauen verlieben sollte: plötzlich, unerklärlich, unkritisch und ohne einen Gedanken an den Schmerz und die Zerrissenheit zu verschwenden, die damit verbunden sein würden.", heißt es in seinem Buch Fever Pitch.

 

Eine Aussage, die vermutlich jeden Fußballfan ins Herz trifft. Noch beim letzten Auswärtsspiel fragten wir uns, warum wir so blöd sind, binnen sieben Tagen zwei Mal nach Bayern zu reisen. Die Antwort darauf und auf die Frage, warum wir sogar drei Mal binnen vier Wochen die Landesgrenze zum Freistaat überqueren, nur um 90 Minuten lang 22 Männern beim Sporttreiben zuzuschauen, lässt sich nicht schöner formulieren, als besagter Nick Hornby es getan hat. Und neben dem Sportlichen und den zu überbrückenden Distanzen, schmerzen auch Begleiterscheinungen wie andauernde Nebenkriegsschauplätze mit Verbänden, Funktionären und Vereinsoberen. Und wie in jeder guten Beziehung mag sich das Verhältnis zum Lebenspartner verändern, nicht mehr frei von Kritik sein und voller Bewusstsein für den Schmerz. Aber die Liebe bleibt. Und Liebe trägt bekanntlich seltsame Blüten.

 

Also ging es am Freitag nach Feierabend (um 19 Uhr !) auf die A7, mit dem Ziel mindestens bis Hessen zu kommen. Kurz vor Kassel, circa eine halbe Stunde vor Mitternacht, beflügelte die Liebe, vielleicht aber auch der Koffeinkonsum derart, dass bis kurz vor die Landesgrenze Bayerns durchgezogen wurde. Gute Entscheidung, wie sich herausstellte. Schließlich bietet die Barockstadt Fulda viele Sehenswürdigkeiten, wie zum Beispiel den Dom St. Salvador oder das Stadtschloss.

 

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frühstück

 

bayern

 

Viel Zeit für Sightseeing blieb nicht, schließlich galt es die keine 20 km entfernte Landesgrenze zu überqueren, um in einer fränkischen Metzgerei das Frühstück zu organisieren. Unsere Wahl fiel auf Bad Brückenau. Dem fleißigen Bildzeitungsleser oder alternativ, den Radsportinteressierten dürfte der Ort aus der jüngeren Berichterstattung zu Jan "Ulle" Ullrichs Therapie bekannt sein. Fun Fact: In Bad Brückenau gibt es ein Fahrradmuseum. Wir interessierten uns allerdings mehr für die kulinarischen Spezialitäten der Region und nannten bei Verlassen des pittoresken Örtchens zwei Tüten Sonntagsaufschnitt und eine warme Tüte Braten im Brötchen fürs Frühstück unser Eigen.

 

Liebe geht halt auch durch den Magen und wenn der Fußball dafür sorgt, dass unsere Mägen stets mit dem Besonderen der deutschen Metzgereien gefüllt ist, kann nicht so viel schief gelaufen sein. Gesättigt wurde das Stadion angesteuert. Gegenüber des letzten Besuches in Fürth war die neue Haupttribüne des Sportparks Ronhof weiter gewachsen. Da blickt man als Kieler fast ein bisschen neidisch drauf. Denn anstatt mit Baufortschritt, glänzte das Kieler Tribünenprojekt zuletzt mit negativer Presse. Nachdem in den vergangenen Jahren immer wieder Ausbauprojekte von Stadien deutscher Profivereine durch die öffentliche Hand gefördert wurden, scheint dies auf ein mal nicht mehr "en vogue" zu sein. Eine Diskussion, die man an anderer Stelle vielleicht mal führen kann.

 

Der eingangs zitierte Schmerz ist nur allzu oft von sportlichen Ergebnissen geprägt. Erinnern wir uns zurück an den Saisonauftakt, als eine völlig entfesselt spielende KSV allen Unkenrufen nach dem Umbruch zum Trotz einen verunsicherten HSV im Volkspark mit einem 3:0 in die Kabine prügelte. Da fiel es schwer, auf die Euphoriebremse zu treten. Und obwohl die nachfolgenden Spiele in der Liga und auch im DFB-Pokal deutlich weniger furios abliefen, entlockten sie den Kieler Anhängern zumindest ein zufriedenes "Jo" - in Norddeutschland ja bekanntlich schon höchste Anerkennung. Schließlich hatten sich die Störche das Prädikat "Ungeschlagen" verdient. So war auch die Stimmung im Gästelager gut - vom Auswärtsblock gab es ein nettes Intro zum Auflaufen.

 

intro

 

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Damit wären wir auch schon beim Spiel gegen die Kleeblätter. Von direkten Tabellennachbarn wurde vermutlich ein ausgeglichenes Spiel erwartet. Zunächst sei gesagt, dass es sich bei dem Spiel definitiv um schwere Kost handelte. Zäh bisweilen, ohne echte Offensivszenen. Die beste hatte in Halbzeit eins noch Steven Lewerenz, der in die Startelf gerückt war. Doch die Latte verhinderte Schlimmeres für die Gastgeber. "Das gewinnt Kiel heute, die machen das gut.", hieß es von Andreas Bornemann, der auf der Tribüne zu Besuch war. Wer wollte ihm da widersprechen? Schließlich sah es in den ersten 45 Minuten tatsächlich so aus.

 

kingsley

 

steven

 

Doch ohne mit weiteren Zitaten um sich werfen zu wollen - ein Fußballspiel hat bekanntlich eine zweite Hälfte. Und die war - sagen wir es diplomatisch - zum abgewöhnen. Zunächst schien Kiel mit einer Chance von Kinsombi weiter das Chancenplus auf der eigenen Seite zu haben. Zehn Minuten später folgte aber der Gegenschlag. Und im Gegensatz zu den Versuchen der Gäste, saß dieser. Alles andere als Unschuldig an dem Treffer ausgerechnet der Ex-Fürther Stefan Thesker, der erstmals diese Saison zum Einsatz kam. Statt dem eigenen Mann, erreichte der Pass Fürths Sebastian Ernst, der legte seinem Kollegen Keita-Ruel auf. Führung für Fürth in der 52. Minute. Damit begann das, was man eine ernsthafte Beziehungskrise nennen kann. Ein Fehler von Wahl, verursachte das 2:0 in der 60. Minute. Aus „gar nicht so schlimm“ hatten zwei individuelle Fehler ein „hier droht eine Klatsche“ gemacht. Nur zwei Minuten später fast das 3:0. Holstein stand zu diesem Zeitpunkt mächtig offensiv, wo allerdings zu wenig an diesem Tag gelang. Stattdessen rollten die Konter in Richtung Kieler Tor. Keita-Ruel begrub nach 83 Minuten die letzte Hoffnung, noch etwas Zählbares mitzunehmen. Girth gelang zwar noch ein Treffer für Blau-Weiß-Rot.

 

girth

 

fulltime

 

dome

 

kinsombi

 

Statt dem Wunder am Ronhof aus Kieler Sicht gab es kurz vor Schluss das 4:1. Heimteam und -anhang feierten die Tabellenführung. Von den mitgereisten Kielern gab es aufmunternde Worte für ihre Mannschaft, während einige Menschen im Internet bereits ernsthaft eine Trainerdiskussion zu entfachen versuchten. Was hätten diese Menschen wohl vor 20 Jahren gemacht, als der Fußball bei Holstein noch schlechter als das baufällige Stadion war? Man weiß es nicht. Diskussionen sind ja okay, aber trotzdem mal entspannt blieben. Denn was singen nochmal die Denkedrans und alle im Stadion mit?

 

Sieg oder Niederlage - nur eine sekundäre Frage,
wer euch nur beim Sieg zur Seite steht,
hat nicht verstanden, worum es wirklich geht.
Mit euch zu feiern und zu leiden,
auszuscheiden oder aufzusteigen -
hier zählt nur ein einziger Satz,
auf den Rängen und erst recht auf dem Platz.
Keine andere Stadt, keine andere Liebe, kein anderer Verein - Nur Holstein!

 

Sonnabend geht es weiter. Gegen den VfL Bochum. Ist das nicht schick?

Alle Bilder in der Galerie.

 
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